Neues aus Bulgarien - Markus Inama PDF Drucken E-Mail

P1160686 - Kopie

„Es ist besser Jugendlichen Fischen zu lernen als ihnen einen Fisch zu essen zu geben.“ Markus Inama mit einem berührenden Bericht aus Bulgarien.

 

 

 

Eine Art Familie

CONCORDIA in Bulgarien

 

Asia ist 20 Jahre alt und wohnt seit einigen Monaten im Sozialzentrum „Sveti Konstantin“. Anfangs war es schwierig, weil sie immer wieder laut geweint und geschrien hat, sie wolle in die Psychiatrie. Den Umschwung brachte Valja, eine der ersten Jugendlichen, die wir im CONCORDIA Sozialzentrum aufgenommen haben und eine lange Karriere auf der Straße hinter sich hatte. Wir legten Asia zu Valja ins Zimmer. Valja achtet darauf, dass sich Asia regelmäßig wäscht und ihre Kleider wechselt, sie beruhigt sie, wenn sie Sorgen hat. Seither geht es Asia besser, sie will nicht mehr in die Psychiatrie, sie fühlt sich bei uns zu Hause.

 

Als wir im Sommer 2008 einige Einrichtungen für Jugendliche in Sofia besucht haben, um einen Einblick in die soziale Situation Bulgariens zu gewinnen, haben wir öfter einen Leitsatz zu hören bekommen: „Es ist besser Jugendlichen Fischen zu lernen als ihnen einen Fisch zu essen zu geben.“

 

Ich habe mir überlegt, wie Asia diesen Satz verstehen würde. Eine unserer Betreuerinnen hat Asia vor einiger Zeit angesprochen, sie wolle mit ihr gemeinsam eine Arbeit suchen. Asia hat dankend abgelehnt. Sie habe eine Arbeit. Sie gehe betteln.

 

Viele unserer Jugendlichen haben von Kindheit an gebettelt. Die Tatsache, dass das Betteln leichter geht, wenn die Jugendlichen bemitleidenswert aussehen, erzeugt eine gefährliche Dynamik. Schlecht gekleidet und schmutzig sein ist bei diesem „Handwerk“ ein Vorteil. Dann sind es nur kleine Schritte zum krank werden, sich selber Wunden zufügen, Lack schnüffeln und Drogen konsumieren.

 

Die Umsetzung des Leitsatzes „es ist besser Jugendlichen Fischen zu lernen als ihnen einen Fisch zu geben“ erfordert von den Betreuern einen Balanceakt. Manchmal ist es besser den Jugendlichen einen Fisch zu Essen zu geben und zu sagen, es ist nicht nötig, dass du betteln gehst, dass du Mülleimer nach möglicher Nahrung durchsuchst, dass du menschenunwürdige Sachen machst. Im Sveti Konstantin wird für dich gesorgt. Wir geben den Kindern und Jugendlichen, einerseits Schutz, Nahrung und Unterstützung. Andererseits ist es uns auch sehr wichtig, sie dazu zu motivieren selbst aktiv zu werden, um ihr Leben später eigenständig in die Hand nehmen zu können.

 

Unser Haus ist hell und bunt, im Hof gibt es viel Grün, einen Phantasiegarten und viele Sportmöglichkeiten. All das soll den Jugendlichen zeigen, sie sind willkommen und sie sind wertvoll. Das ist die Nahrung, die sie am nötigsten brauchen. Vielleicht lässt es sie auch ihren bisherigen Alltag vergessen. Manche der 80 Kinder und Jugendlichen haben im Sveti Konstantin zum ersten Mal in ihrem Leben einen legalen Wohnsitz, regelmäßige Mahlzeiten und eine Waschmöglichkeit. Es entsteht ein Raum, um manches nachzuholen, wofür in ihrer Vergangenheit kein Platz war: in die Schule zu gehen, eine Ausbildung zu machen oder einen Beruf zu erlernen.

 

Die Lage der Romas hat sich in Bulgarien seit den 90er Jahren verschlechtert. Der Großteil der Bulgarischen Bevölkerung muss kämpfen, um mit ihrem geringen Einkommen ihre Familie über Wasser zu halten. Da bleibt kein Geld für die ganz Armen. In Bulgarien leben laut Nichtregierungsorganisationen 800.000 Romas. Der Großteil der Kinder und Jugendlichen im Sveti Konstantin stammen aus dem Roma-Milieu. Unsere Schützlinge erzählen uns immer wieder, dass sie Vorurteilen begegnen, dass sie bei der Arbeitssuche benachteiligt werden und dass sie auf Grund ihres Aussehens mit Gewalt konfrontiert sind.

 

Im Sozialzentrum haben wir eine Kerzengießerei und eine Töpferei eingerichtet. Gerade jene Jugendlichen, die gehandicapt sind und kaum eine Chance haben, eine Arbeit zu finden, haben in den Werkstätten die Möglichkeit, ihre kreativen Fähigkeiten zu schulen und unter Anleitung von Fachpersonal etwas Schönes zu schaffen.

Im Sommer 2010 haben wir ein Friseurlokal angemietet und gemeinsam mit unseren Jugendlichen renoviert. Jeweils drei Jugendliche werden im Frisiersalon „Violetka“ (Veilchen) in der Nähe des Südparks von einer Meisterin ausgebildet und erhalten nach vier Monaten ein Zertifikat.

 

Das wichtigste im CONCORDIA Sozialzentrum bleibt die Gemeinschaft. Wir teilen das Leben, wir bilden eine Art Familie von Menschen mit unterschiedlicher Herkunft, mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund. Wir feiern miteinander, wir beten füreinander, wir helfen und ertragen einander und wir bauen einen Freundeskreis von Menschen in Bulgarien und Mitteleuropa auf.

 

 

Markus Inama SJ

  

P1160686 - Kopie P1160692