Concordia Rumänien PDF Drucken E-Mail

 

Wir haben seit 1994 eine Hauspatenschaft auf der Kinderfarm von Pater Georg Sporschill in Aricesti. Bei dieser Patenschaft sind folgende Jahresbeiträge zusammengekommen:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

           

  • 1994      €     8.372.-
  • 1995      €   11.627.-
  • 1996      €   11.627.-
  • 1997      €   11.627.-
  • 1998      €   11.627.-
  • 1999      €   11.627.-
  • 2000      €   11.627.-
  • 2001      €   11.627.-
  • 2002      €   11.627.-
  • 2003      €   11.627.-
  • 2004      €   11.627.-
  • 2005      €   11.627.-
  • 2006      €   11.627.-
  • 2007      €   12.000.-
  • 2008      €   11.627.-
  • 2009      €     5.000.-
  • 2010      €     9.000.-
  • Summe   € 185.523.-
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    Besuch bei Pater Georg Sporschill

    (MO) Wir befinden uns im Landeanflug auf Bukarest. Nach einer langen Phase der Terminkoordination hat es nun endlich geklappt. Die aus Christine Dobler, Josef Oberhauser und Michael Oberhauser bestehende Delegation der BORG-Werkstatt kann dank Sponsor Walter Waibel die Gelegenheit wahrnehmen, die Projekte von Pater Georg Sporschill an Ort und Stelle in Rumänien zu besichtigen.

    Die Formalitäten bei der Paßkontrolle sind für westliche Verhältnisse ungewohnt. Wir müssen die Aufenthaltsdauer, die Adresse der Unterkunft und den Zweck unserer Reise angeben. Nur dem Zauberwort „Caritas“ haben wir es zu verdanken, daß der Zollbeamte nur eine unserer sieben Taschen mit Hilfsgütern aus Vorarlberg öffnet. Während wir auf Ruth warten, die uns vom Flughafen abholen soll, werden uns mehrfach Taxidienste angeboten. Erst als man uns dann wirklich abholt, geben die aufdringlichen Fahrer der Privattaxis auf. Auf dem Weg zum Auto nehmen mir dann hilfsbereite Jugendliche meine Tasche ab. Alle Versuche, meine Last wiederzuerhalten, schlagen fehl und so fordern die „Helfer“ bei unserem Fahrzeug angekommen natürlich ihren Lohn. Die aufdringliche Art, mit der speziell die rumänischen Kinder und Jugendlichen ihre Arbeitskraft anbieten, stellt jeden mitteleuropäischen Rosenverkäufer in den Schatten und wird uns während unseres Aufenthaltes noch des öfteren begegnen.

    Auf der Fahrt zu unserer Unterkunft geht es vorbei an toten Fassaden und dunklen Geschäftsauslagen, bis wir schließlich den Triumphbogen passieren. Der rumänische „arcul“ gleicht seinem großen französischen Bruder aufs Haar und auch die vielspurige Prachtstraße, die an den Bogen anschließt, lassen uns beinahe vergessen, daß wir uns in Rumänien befinden.

    Schon kurz nach unserer Ankunft in der Caritaszentrale, wo wir fürs erste untergebracht sind, sollen wir zum ersten Mal den Straßenkindern von Bukarest begegnen. Ruth will uns den Nordbahnhof zeigen, wo sich auch ein Haus der Caritas befindet. Die heimatlosen Kinder finden dort Nahrung, Kleidung, medizinische Versorgung, eine Waschmöglichkeit, eine Schlafstätte und vor allem ein offenes Ohr für ihre Probleme. Viele Kinder und Jugendliche können auf diese Weise betreut werden. Manche sind Stammgäste, andere besuchen das Haus der Caritas nur sporadisch und schlafen sonst im unterirdischen Kanalsystem, wo sie vor der Kälte im Winter einigermaßen geschützt sind.

    Michael Jackson am Nordbahnhof

    Beim Kinderhaus am Nordbahnhof angekommen, werden wir schon vor der Eingangstüre überschwenglich von drei Jugendlichen begrüßt. Der vermutlich jüngste macht einige Tanzschritte und sagt, daß er jetzt Michael Jackson sei. Auch die anderen zwei haben eine Attraktion für uns. Sie schnüffeln Aurolack aus kleinen Plastiksäckchen. Das „Kokain romani“, wie es der sichtlich berauschte Bursche begeistert nennt, ist die Droge der Straßenkinder. Ohne Rücksicht auf die schweren Folgeschäden betäuben sich viele von ihnen mit dem giftigen Lack, um ihren harten Alltag wenigstens für einige Stunden erträglich aussehen zu lassen.

    Bei unserem Eintreten finden wir eine völlig überdrehte Horde von Kindern vor, die sich auch durch die Helfer der Caritas nur schwer bändigen läßt und vorerst durch nichts zur Nachtruhe zu bewegen ist. Die Kinder haben meinen Fotoapparat entdeckt und wollen nun natürlich alle abgelichtet werden. Das „posa, posa“, das ich als „Foto, Foto“ deute, verstummt nur kurz, als die mitgebrachten Süßigkeiten an die Kinder verteilt werden. Erst als wir kein Stück mehr in unseren Taschen haben, lassen die Kinder von uns ab. Im Hintergrund bemerke ich eine junge Mutter, die sich mit ihrem Baby unbeteiligt vom allgemeinen Trubel auf dem Matratzenlager niedergelassen hat.

    Abschließend steht noch ein Rundgang durch den Bahnhof auf dem Programm. Trotz der späten Stunde ist der Nordbahnhof als einer der wenigen Treffpunkte in Bukarest noch voller Menschen. Zugfahren ist eines der wenigen Vergnügen, das sich das rumänische Volk leisten kann. Inmitten dieses lebendigen Treibens stoßen wir auf ein Bild unfaßbarer Armut und Hoffnungslosigkeit. In einer Schalterhalle kauert ein Ehepaar mit zwei Kindern am Boden. Sie werden die Nacht am Bahnhof verbringen. Als ich diese Szene auf meinen Film bannen will, kommt Leben in die Frau. Ruth schlägt einen blitzartigen Rückzug vor, den wir sofort mit schnellen Schritten in Richtung Ausgang antreten. Die wütend schreiende Frau verfolgt uns und so beschleunigen wir unseren Gang, bis wir schließlich im Laufschritt das „rettende“ Auto erreichen.

    Am nächsten Morgen bekommen wir bei einem reichhaltigen Frühstück schon den ersten Vorgeschmack auf die Kinderfarm. Es gibt eigene Milch und selbstgemachten Käse. Während des Essens stoßen Georg und der Vorarlberger Landtagspräsident Bertram Jäger zu uns. Gemeinsam machen wir uns zum zweiten Mal, jedoch zu Fuß und bei strahlendem Sonnenschein auf den Weg zum Nordbahnhof. In den Seitenstraßen türmt sich der Müll, an der Straßenecke liegt ein toter Hund, ehemals einer der unzähligen Straßenköter die durch Bukarest streunen und um die sich niemand kümmert. Auch den beiden Autowracks, die am Rand der selben Straße ihre letzte Ruhestätte gefunden haben, schenkt außer dem Rost niemand mehr Beachtung. Unmittelbar neben dieser unfaßbaren Armut zeugt der Regierungspalast wie zur Verhöhnung vom Regime Ceausescus und dessen Ausbeutung. Fassungslos stehen wir vor dem gigantischen Monument, das der Herrschaft des Tyrannen ein Denkmal setzen sollte, nach der Revolution jedoch unvollendet geblieben ist.

    Schlafen in der Kanalisation

    Vorbei am Markt und an unzähligen Leuten, die vor einem Lebensmittelgeschäft Schlange stehen, erreichen wir den Bahnhof. Georg zeigt uns einen Schacht, der zur Kanalisation hinunterführt. Unten sind zwei Paar Beine erkennbar. Aus dem Rohr dringt ein nahezu unerträglicher Gestank nach oben. Wir können uns nicht vorstellen, wie ein Leben in diesen Löchern überhaupt möglich ist. Trotzdem tauchen nach kurzer Zeit im Schacht drei Köpfe auf, denen, als sie Georg erblicken, sofort auch der restliche Körper an die Oberfläche nachfolgt. Einer von ihnen hat am Bahnhof eine Kartonhütte in Brand gesteckt und erzählt dem Pater von seinen Problemen, die er deswegen mit der Polizei hat. Die Kinder im Haus der Caritas kennen uns noch von gestern und wollen sich immer noch fotografieren lassen. Einer von ihnen fällt mir besonders auf, da er ganz ungewöhnlich hinkt. Dieses Verhalten erklärt sich, als der Junge sein Hosenbein hochzieht und den Blick auf eine riesige, offene Wunde am Knie, die nicht heilen will, freigibt.

    Zu Mittag essen wir in der öffentlichen Kantine. Die Kinder versuchen mitzukommen, werden aber alle bis auf einen, der sich gleich zu uns gesetzt hat, wieder hinausgeschickt. Das Essen kostet umgerechnet nur wenige Schillinge und besteht aus einer Nudelsuppe, einem Hauptgang mit Fleisch und einem Brot. Ich würde als verwöhnter Mitteleuropäer gerne die Küche sehen und habe fast keinen Hunger. Ich esse nur wenig Suppe und beim Fleisch verläßt mich meine Überwindungskraft. Ich überlasse meine Portion dem Jungen, dem die Mahlzeit sichtlich schmeckt und der mit strahlenden Augen verzehrt, was ich zuvor verschmäht habe. Er darf jetzt wie bei einer richtigen Familie bei uns am Tisch sitzen. Man hat das Gefühl, es nun mit dem Kind zu tun zu haben, das er eigentlich ist, oder zumindest sein sollte. Doch der Schein trügt: Morgen muß er vielleicht schon wieder in der Kanalisation schlafen und selbst für seinen Unterhalt sorgen.

    Am Nachmittag besuchen wir das erste Haus der Caritas in der Alea Alexa Marin. Die Einheiten, in denen die Kinder dort betreut werden sind kleiner als am Bahnhof und so wirkt auch das Klima zwischen den Betreuern und den Kindern familiärer. Die Kinder sind in kleinen freundlichen Zimmern untergebracht und schlafen in Stockbetten. Als wir eines dieser Zimmer besichtigen, sind zwei Kinder fleißig mit ihren Hausaufgaben beschäftigt, während uns ein drittes ein neu gelerntes Lied auf der Blockflöte vorspielt.

    Besuch auf der Kinderfarm

    Am späteren Nachmittag brechen wir dann in Richtung Kinderfarm auf. Die Farm liegt zirka eine Autostunde außerhalb von Bukarest, in der Nähe von Aricesti. Da Georg leider keine Zeit hat, uns zu begleiten, fahren wir alleine mit einem Auto der Caritas auf die Farm. Wir müssen feststellen, daß auf rumänischen Straßen ständig neue Gefahren auf den westlichen Autofahrer lauern. So muß man beispielsweise jederzeit damit rechnen, in eines der unzähligen Löcher zu fahren, die besonders an Kurven und unübersichtlichen Stellen lauern und sich so einen Platten oder einen Achsenbruch zuzuziehen. Aber auch die rumänischen Autofahrer, die ihre „Dacias“ überschätzen und grundsätzlich nur an unübersichtlichen Stellen zu überholen scheinen, sind eine Gefahrenquelle, die nicht vernachlässigt werden darf. Trotzdem gelingt es uns, gegen Abend die Kinderfarm heil zu erreichen. Für einen Rundgang ist es bereits zu dunkel. Beim Abendessen lernen wir dann das Betreuerteam kennen. Wir erfahren einiges über den Tagesablauf auf der Farm, über die Formalitäten und Schikanen, die von den Behörden auferlegt werden und erfüllt werden müssen, über den zeitweise schleppenden Baufortschritt und die Arbeitsmoral auf der Baustelle.

    Am nächsten Morgen führt uns Tobias, der Architekt aus Berlin, von dem die Idee und Gestalt der Kinderfarm stammen, durch das Gelände. Die Farm soll sich im Endstadium selbst versorgen. Wie in einem kleinen Dorf ist auch die nötige Infrastruktur geplant. Neben einer Bäckerei, die schon provisorisch in Betrieb ist, entstehen eine Schreinerwerkstätte, eine Metallwerkstätte, eine Korbflechterei und eine Werkstatt für Keramik. Ebenso befinden sich eine Großküche, wo für alle gekocht werden soll, und der Stall im Baustadium. Schon jetzt gibt es Kühe, Pferde und Schweine auf der Farm, die ausreichend von Weide- und Ackerland umgeben ist.

    Betreuung in kleinen Gruppen

    Die Kinder sollen in Einheiten von acht Personen und einem Betreuer in ihren eigenen Häusern wohnen. In diesen kleinen Gruppen können die Kinder optimal betreut und so wieder an ein Leben in der Gesellschaft gewöhnt werden. Eines dieser Häuser, die alle mit Wintergarten und Kachelofen ausgestattet sind, ist bereits fertig und wird sofort von uns besichtigt. Einige Kinder besuchen schon wieder regelmäßig die Schule, andere bereiten sich mit Hilfe der Betreuer auf die Ergänzungsprüfungen vor. Oft scheitert der Schulbesuch nur an den Formalitäten und Altersbeschränkungen im rumänischen Schulsystem. In den Werkstätten haben die Jugendlichen aber auch die Möglichkeit, sich handwerklich ausbilden zu lassen. Trotz der Abgeschlossenheit der Farm will man dort aber kein Einsiedlerleben führen. Der Naturalienhandel mit den umliegenden Gemeinden wird angestrebt und ein Second Hand Shop im benachbarten Aricesti befindet sich im Aufbau.

    Am Sonntag geht es dann wieder nach Hause. Wir haben in diesen fünf Tagen sehr intensive Erfahrungen gemacht, die erst noch verdaut und geordnet werden müssen. Wir verlassen die bedrückenden Verhältnisse Rumäniens, das auch nach seiner „Befreiung“ noch lange in tiefster Armut leben wird und kehren ins zivilisierte Österreich zurück, wo wir unseren gewohnten Luxus zumindest für eine kurze Zeit wieder zu schätzen wissen.

     

     

    Zweiter Rumänienbesuch gibt Hoffnung

    (CD) Seit dem ersten Rumänienbesuch von Josef und Michael Oberhauser sowie Christine Dobler als Vertreter BORG-Werkstatt sind mittlerweile dreieinhalb Jahre vergangen. Damals befand sich die Kinderfarm noch in der Bauphase, und nur wenige Einrichtungen waren provisorisch in Betrieb. Durch aktuelle Berichte und neue Fotos von der Farm bzw. den Kinderhäusern in Bukarest konnte in der Zwischenzeit die Entwicklung des Projekts zumindest teilweise weiterverfolgt werden. Dennoch ergab sich die von Seiten der BORG-Werkstatt die Notwendigkeit und natürlich auch der Wunsch, sich vor Ort über die derzeitige Situation vor allem auf der Kinderfarm zu informieren sowie neues Informations- und Bildmaterial zu sammeln.

    Im September 1997 ist es endlich soweit. Wir treten die Reise nach Bukarest an. Mit Spannung erwarten wir die neuen Eindrücke und Erfahrungen, die unser zweiter Rumänienbesuch mit sich bringen wird. Anders als beim letzten Mal steigen wir in Bukarest mit ganz bestimmten Vorstellungen, die größenteils von den Erinnerungen der ersten Rumänienreise geprägt sind, aus. Aber schon bei den Flughafenformalitäten wie Passkontrolle und und Zollabfertigung, die erstaunlich formlos und zügig vonstatten gehen, stellen wir erste Veränderungen fest. Eine nächste Überraschung erleben wir auf der Fahrt vom Flughafen in die Caritaszentrale. Waren es beim letzten Besuch noch dunkle Fassaden, Bauruinen und leerstehende Geschäftslokale, die das Stadtbild prägten, sind es jetzt riesige, amerikanisch anmutende Werbeplakate in schreienden Farben, modern gekleidete Menschen, neue Autos westlicher Herkunft und eine Unzahl von Lokalen und Kaufhäusern, die das äußere Erscheinungsbild der Hauptstadt dominieren.

    Schnell werden wir jedoch wieder von der Realität eingeholt, als wir zusammen mit zwei Projektmitarbeitern den Nordbahnhof besuchen. Frisch gestrichen und neu renoviert erstrahlt dieser zwar in neuem Glanz, hinter den Fassaden jedoch hat sich nicht viel zum Besseren gewendet. Nach wie vor sind in den dunklen Winkeln oder etwas abseits vom großen Strom der emsig durch die Hallen eilenden Reisenden die heimatlosen Straßenkinder präsent. Dass sich ihre Zahl dem Anschein nach verringert hat, liegt nach Auskunft der Sozialarbeiter einzig am verstärkten Einsatz der Polizei, die im Bahnhofsgelände herumstreunende Straßenkinder immer wieder für einige Tage unter Arrest stellt, um den Fahrgästen diesen unerwünschten Anblick zu ersparen. Zu unserem Erstaunen und zum Bedauern der Caritas-Mitarbeiter hat auch das am Bahnhof befindliche Notquartier eine völlig neue Bestimmung erhalten. Nach Ablauf des Mietvertrages gelang es der Projektleitung nicht, diesen zu verlängern, und somit wurde das Haus zu einem Lagerraum für eine Fast-Food-Kette umgestaltet.

    Gerne nehmen wir nach unserer Rückkehr vom Nordbahnhof das Angebot an, das Kinderhaus "SF. Paul" in der Nähe der Caritas Zentrale zu besuchen. Bei unserer Ankunft sitzen einige der Buben zwar noch über ihren Hausaufgaben, mit der Ruhe und Konzentration ist jedoch bald vorbei, denn die Kinder genießen die Aufmerksamkeit, die ihnen durch die "fremden Gäste" zuteil wird, in vollen Zügen. Von einer völlig anderen Seite erleben wir die lebhafte Schar dann beim abendlichen Gebet in einem eigens für diesen Zweck eingerichteten Raum. Ansteckend und mitreißend wirkt der Einsatz und die Begeisterung der Kinder, wenn es um´s Mitsingen bzw. Vorlesen aus der Bibel geht. So manch eine österreichische Kirchengemeinde, deren Gottesdienste aufgrund mangelnder Bereitschaft zur Mitarbeit in Eintönigkeit zu versinken drohen, würde sich glücklich schätzen, solche Kinder in ihrer Mitte zu haben. Vor allem aber am Schluss, als jeder die Möglichkeit erhält, eine Resümee über den eigenen Tag zu ziehen und dieses mit einem Dank bzw. einer Bitte an Gott zu verbinden, macht sich eine sehr persönliche und berührende Atmosphäre im Raum breit.

    Still geht es dann beim gemeinsamen Abendessen zu, bei dem wir als Gäste zu begehrten Platznachbarn der Kinder werden. Neugierige Blicke beobachten, ob den Österreichern, die mit "Pofta buna" gerade den rumänischen Ausdruck für "Guten Appetit" kennengelernt haben, das ungewohnte Mahl auch schmeckt.
    Im Gespräch mit den Erziehern erfahren wir dann einiges über das Betreuungssystem, das in den Kinderhäusern des Projektes angewendet wird. Nur einer der Betreuer wohnt ständig zusammen mit den Kindern im Haus. Um den Betreuungsbedarf jedoch rund um die Uhr abdecken zu können, gibt es zwei weitere Mitarbeiter, die ihre Dienste stundenweise im Haus verrichten, nach Beendigung ihrer Arbeit dieses aber wieder verlassen.
    Bald verlangen die Kinder wieder nach voller Zuwendung von unserer Seite. Beim gemeinsamen Spielen, Herumtollen, Basteln und Zeichnen, bei dem natürlich jedes Kind vom jüngsten bis zum ältesten betreut und beachtet werden möchte, geht es recht stürmisch und ausgelassen zu, sodass die Erzieher bestimmt froh sind, als wir zur Schlafenszeit unseren Besuch beenden. Auf dem Heimweg, der uns durch kleine, dunkle Seitengassen vorbei an Autowracks und Müllansammlungen führt, werden wieder Erinnerungen an den ersten Rumänienbesuch wach.

    Bei einem gemeinsamen Frühstück am nächsten Morgen bekommen wir Gelegenheit, von Pater Sporschill selbst Neuigkeiten über Zukunftsperspektiven hinsichtlich des Straßenkinderprojekts zu erfahren. Geplant bzw. in Arbeit sind Gespräche mit Vertretern der orthodoxen rumänischen Kirche, die langfristig zu einer Beteilung an den Caritas-Projekten führen sollen.

    Frisch gestärkt und voller Vorfreude besteigen wir kurz darauf zusammen mit Farmleiterin und Projektmanagerin Ruth Zenkert den VW-Bus, der uns nach Aricesti/Rhativani bringen soll. Der Kinderfarm und vor allem dem Kinderhaus "Casa SF. Iosif", für das die BORG-Werkstatt schon seit 1994 die Patenschaft innehat, gilt auf dieser Reise natürlich unser Hauptinteresse. Möglichst viel von dem, was wir hier mit eigenen Augen zu sehen bekommen werden, wollen wir in Form von Diaaufnahmen mit nach Hause nehmen, um unseren zahlreichen Spendern Bericht zu erstatten.


    Als wir am späten Vormittag die Tore der "Ferma copiilor" passieren, ist es endlich soweit. Vor uns steht eine beträchtliche Anzahl von Gebäuden, die zur Abwicklung des Farmbetriebs notwendig sind, darunter eine ganze Reihe schmucker, einladend wirkenden Kinderhäuser.
    Auf einem späteren Streifzug über das Farmgelände erfahren wir mehr über die Bestimmung, die jeder einzelnen Einrichtung zugedacht ist. Neben Großküche, Bäckerei, Werkstätten und Stallgebäuden, die zur Grundausstattung gehören und die wir bei unserem letzten Besuch bereits im Rohbau besichtigen konnten, interessieren uns vor allem einige ergänzende Einrichtungen wie eine Turnhalle mit Party-Raum oder das nach Kardinal König benannte Gästehaus, in dem auch wir untergebracht sind. Ein sehr beeindruckender Raum ist unseren Erwartungen entsprechend die Kapelle geworden. Bei einer abendlichen Andacht erhalten wir die Gelegenheit, die besondere Atmosphäre darin hautnah zu erleben. Zusammen mit den Kindern nützen wir Möglichkeit zu einer Besinnung, die um dem Religionsbekenntnis der meisten Kinder entgegenzukommen orthodox geprägt ist, und erfahren, dass das tägliche Gebet der Mädchen und Buben die Sponsoren ihres Projektes und deren Familien einschließt.

    Da sich die Nachricht von unsere Ankunft und vor allem die Neuigkeit, dass sich unter unserem Gepäck ein nagelneuer Fußball befindet, wie ein Lauffeuer auf der Farm herumgesprochen hat, haben wir inzwischen schon einige Kinder aus dem "Casa S. Iosif" kennengelernt. Speziell für den feierlichen Anlass der Ankunft "ihrer Sponsoren" mit buntem Kopfschmuck versehen, erwarten sie ungeduldig unseren Besuch. Bereits an der Haustür, wo uns ein liebevoll gestaltetes Willkommensplakat erwartet, fühlen wir uns herzlichst aufgenommen. Freundliche Atmosphäre erwartet uns auch im Kinderhaus selbst, wo wir vorerst die Kinderzimmer und danach die restlichen Räume besichtigen. Anschließend beginnt Michael mit dem Fotografieren der Kinder und ihrer Erzieher.
    Um das bessere gegenseitige Kennenlernen zu fördern, wollen wir die "Patenkinder der BORG-Werkstatt" am Abend mit typischen Vorarlberger "Käsknöpfle" verwöhnen. Nachdem das passende Kochgeschirr organisiert, Würze für den Kartoffelsalat gefunden und eine Reihe weiterer kleiner Probleme gelöst werden konnten, beginnt das gemeinsame Kochen, bei dem uns die Kinder begeistert mit Rat und Tat zur Seite stehen. Dennoch merken wir bald, dass das Vorhaben, unter rumänischen Bedingungen Käsknöpfle zu kochen, ein riskantes Abenteuer darstellt. Schließlich haben wir es jedoch geschafft. Die Knöpfle stehen samt dazugehörendem Salat auf dem Tisch und finden sowohl bei den "großen" als auch bei den "kleinen Köchen" reißenden Absatz.

    Auf unseren Wunsch hin erhalten wir während unseres Farmaufenthalts die Möglichkeit, mehr über "unsere" acht Buben, die wir mittlerweile längst ins Herz geschlossen haben, zu erfahren. Monika, eine Erzieherin aus dem dreiköpfigen Team, das für die Betreuung unseres Hauses zuständig ist, erzählt uns vom bewegten Lebenslauf ihrer Schützlinge. Schilderungen von Armut, Krankheit, Mißhandlung, Vernachlässigung und Gewalt sind dabei immer wiederkehrende Komponenten. Liebevoll berichtet Monika aber auch von den besonderen Fähigkeiten, Talenten, charakterlichen Eigenheiten und Vorlieben der acht Buben, die sich in der familiären Atmosphäre ihres neuen Heims spürbar weiterentwickeln und Fortschritte in verschiedenster Hinsicht machen.

    Kurz vor unserer Abreise kommen wir am Sonntag ein letztes Mal ins Haus "SF. Iosif", um uns von den Kindern zu verabschieden. Zu unserer Freude werden wir mit drei selbstgestalteten T-shirts, auf denen die Namen aller Hausbewohner festgehalten sind, überrascht. Bevor wir aber die Farm endgültig verlassen, gilt es noch, den Wunsch der Kindern, die noch einiges über uns erfahren wollen, zu erfüllen. Die Abschiedsstimmung veranlasst zuletzt einen der Buben, uns folgenden schönen Wunsch auf die Heimreise mitzugeben: "Alles Gute, viel Liebe in der Familie und dass sich in eurer Familie Eltern und Kinder immer sehr nahe sind".

    Die Zeit ist wie im Flug vergangen. Beladen mit neuen Eindrücken und Erfahrungen lassen wir die winkende Kinderschar hinter uns und machen uns auf den Weg zum Flughafen. Rumänien haben wir dieses Mal zumindest vom äußeren Erscheinungsbild her von einer anderen, aufstrebenden Seite her erlebt. Moderne Fassaden und westliche Kulturgüter können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass nach wie vor krasse Gegensätze zwischen Arm und Reich herrschen und Unterstützung auf dem neuen Weg, den dieses Land eben erst begonnen hat, nötig ist. Was aber für uns  unmittelbar spürbar und erfahrbar geworden ist, die große Hoffnung, die von den Hausgemeinschaften des Straßenkinderprojekts "Concordia" ausgeht, wollen wir an unsere Freunde und Spender weitergeben.